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ONLINE - 16. Oktober 2005, 09:55
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Liebermann-Garten
Aufblühen im Schatten der Geschichte
Von Vera Kämper
Im ehemaligen Domizil des Malers Max Liebermann am Berliner Wannsee ensteht eine
Gedenkstätte - aus Blumen und Bäumen. Liebermanns Garten war jahrzehntelang
sein wichtigstes Motiv. Doch hinter der Blütenpracht steckt eine Tragödie.
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Liebermann-Haus: "Klein-Versailles" mit großer Geschichte
Wer jetzt in der warmen Herbstsonne am Wannsee spazieren geht, dem fällt
an der Ecke Colomierstraße ein blühender Vorgarten ins Auge. Hinter
dem hohen Eisenzaun wiegen Apfelbäume im Wind, dahinter liegen Tomatenstauden
und Kohl. Weiter hinten leuchten Buchsbäume, Geranien und Eisenhut. Kaum
ein Garten im Guteleuteviertel ist prächtiger angelegt als der hinter der
Hausnummer drei.
Doch genau genommen blüht hier eine Gedenkstätte. In der repräsentativen,
von Säulen flankierten Villa hat vor knapp hundert Jahren bis zu seinem
Tod 1935 der Berliner Maler Max Liebermann gelebt. Der große Garten war
seine Idee und zusammen mit dem hinter dem Haus zum See hin liegenden Park jahrzehntelang
sein wichtigstes Motiv.
Vor kurzem wurde er nach historischem Vorbild wieder angelegt. Bis ins Detail
soll alles so aussehen wie auf Liebermanns Bildern. Nur "die Wege mussten
für die Besucher breiter gestaltet werden", sagt Anke Stemmann, Leiterin
der Geschäftsstelle der Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin. Bei Fertigstellung
rechnet sie mit 600 Besuchern am Tag.
Die Gesellschaft kämpft seit nunmehr zehn Jahren im Namen des Impressionisten
um den Erhalt des Hauses und Gartens am Wannsee. Kaum hatte der Kunst fördernde
Verein ein Ersatzgrundstück für den Deutschen Unterwasser Club (DUC),
der sich gemütlich in dem Landhaus eingerichtet hatte, gefunden, begannen
die Umbau- und Restaurierungsmaßnahmen.
Dort, wo jetzt der Bauerngarten blüht, befand sich vor gut drei Jahren noch
der Parkplatz des DUC. "Hier war nichts vom Nutz- und Staudengarten wieder
zu erkennen", erinnert sich Anke Stemmann.
Vera Kämper
Birkenallee im Liebermann-Garten: Kunstsinnige Kulisse inmitten der Barbarei
Zu Beginn waren es lediglich 20, heute wollen bereits 920 teils sehr spendable
Mitglieder der Gesellschaft dem Gelände wieder künstlerisches Flair
verleihen. Gemeinsam mit 100 ehrenamtlichen Mitarbeitern versuchen die Kunstfreunde,
die Arbeit des deutschen Impressionisten wieder aufleben zu lassen. Für
die stolze Summe von 2,8 Millionen Euro Spendengelder wurden liebevoll Pflänzchen
gesetzt, akribisch der Putz von Farbe befreit und vom DUC entfernte Mauern wieder
aufgebaut.
Bei dieser Arbeit tauchte wie aus dem Nichts ein unbekanntes Wandgemälde
in der Ostloggia auf. Dort wurde vorsichtig auch dort der Mörtel abgekratzt
und ein weiteres Original Liebermanns erschien. Zurzeit wird es für 400.000
Euro restauriert.
Viele kleine Projekte wie der Wiederaufbau des Otterbrunnens oder eines Holzweges
stehen der Gesellschaft noch bevor. Zuerst will man jedoch eine dokumentarische
Ausstellung von Liebermann-Werken im alten Landhaus des Künstlers eröffnen.
Mit historischen Fotos, Dokumenten und Zeitzeugenberichten soll die traurige
Familiengeschichte des Impressionisten dargestellt werden.
Der Berliner Max Liebermann wurde am 20. Juli 1847 als Sohn eines wohlhabenden
Textilfabrikanten geboren. Gegen den Willen seines Vaters setzte er seine künstlerischen
Ambitionen durch, studierte an der Kunstakademie in Weimar und sorgte schon bald
mit seinem Erstling "Die Gänserupferinnen" für Aufsehen.
Nach Zwischenstationen in Paris, Holland und München kehrte Liebermann 1897
in seine Heimatstadt zurück.
VG Bild Kunst 2005
Liebermann-Gemälde "Birkenallee": Verteidigung der bürgerlichen
Ordnung
Im folgenden Jahr gründete er die unabhängige Künstlergemeinschaft "Berliner
Secession". In den "goldenen Zwanzigern" prägte er als Präsident
der Akademie der Künste Berlin die kreative Szene der Hauptstadt. Neben
seinem zentralen Wohnhaus am Pariser Platz 7 bezog Liebermann 1910 seine gemütliche
und stilvolle Sommerresidenz am Wannsee, sein "Klein-Versailles", wie
er sie liebevoll nannte.
Die Idylle endete jäh im Jahr 1933, als die Nazis an die Macht kamen. Schon
vorher war er immer wieder mit seiner jüdischen Herkunft konfrontiert worden.
Doch das nahm er meist gelassen und mit Berliner Witz. So lautete seine Antwort
auf den Vorschlag eines christlichen Geistlichen, sich umtaufen zu lassen: "Glaubense,
dass ick dann besser male?"
Hitlers Machtübernahme veränderte Liebermanns Leben dramatisch. Er,
der sich als Deutscher jüdischen Glaubens gefühlt hatte, konnte sich
der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nicht entziehen. Von einem Tag auf
den anderen wurden seine Werke aus Museen und Galerien entfernt; man machte ihn
zur "Unperson", die Mitglieder der Berliner Gesellschaft mieden ihn.
Liebermanns Bilder aus seinem Garten und dem Park hinter dem Haus, die nach 1933
entstanden, wirken deshalb immer auch wie die Verteidigung bürgerlicher
Ordnung gegen den Wahn der Nazis.
Durch die antisemitische Hetze vereinsamt und öffentlich geschmäht
starb der Künstler am 8. Februar 1935. Viele Freunde und Anhänger trauten
sich nicht, an seiner Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof an der Schönhauser
Allee teilzunehmen. Wäre Liebermann fünf Jahre früher gestorben,
hätten ihm wohl Tausende das letzte Geleit gegeben - im Winter '35 kamen
nur noch 38 Mutige.
DPA
Maler Liebermann: Erst verehrt, dann verschmäht
Seine Frau Martha Liebermann, die seit 1884 an seiner Seite stand, blieb in Berlin.
Dort musste sie nach den rassistischen Erlassen der Nürnberger Gesetze das
gemeinsame Haus am Pariser Platz räumen und sich mit einer kleineren Wohnung
begnügen. Trotz brennender Synagogen und den Pogromen im November 1938 ließ sie
sich nicht dazu bewegen, ihre Heimat zu verlassen. Auch als ihre Tochter Käthe
fluchtartig in die USA auswanderte, blieb sie standhaft. Sie wollte das Grab
ihres Mannes nicht im Stich lassen.
Doch die Demütigungen der Nazis setzten ihr immer mehr zu: Durch zahlreiche
Erlasse und Verordnungen bemächtigten sich Hitlers Helfer ihres Geldes und
Schmucks; das Wannsee-Haus musste sie an die Deutsche Reichspost verkaufen. Als
1943 in Berlin eine mehrtägige Massendeportation von Juden in Sammellager
startete - ein Ergebnis der Wannsee-Konferenz, die 1942 nur wenige Meter von
Liebermanns Domizil entfernt stattgefunden hatte -, zog die 83-Jährige die
letzte Konsequenz.
Mit einer Überdosis Schlafmittel entzog sie sich der Verfolgung durch die
Nazi-Schergen. In der von der Gestapo eingerichteten "Polizeistation" im
Jüdischen Krankenhaus in Mitte versuchte man noch, ihr Leben zu retten,
doch es war zu spät. Selbstmorde wie den von Martha Liebermann gab es damals
viele in Berlin.
Diese Familiengeschichte, die beispielhaft für jüdische Schicksale
im nationalsozialistischen Berlin steht, soll bald in Max Liebermanns Sommerhaus
wieder aufleben. Noch schlendern die Gäste die neu angelegten Beete entlang
und scheinen mehr an Gartenkunst als an Liebermanns tragischem Ende interessiert.
Sie bewundern den gut gewachsenen Mangold und die herrlichen Blumen - doch manchen
ist klar, dass es hier um mehr als gelungene Botanik geht.
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Künstler-Garten am Wannsee: Idyll mit tragischer Vergangenheit
"Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte", zitiert
die Berliner Besucherin Edith Nitsche Liebermanns Kommentar zu Hitlers Machtergreifung
und fügt hinzu: "Es ist wirklich schlimm, was das Ehepaar mitgemacht
hat." Sie kennt die furchtbare Geschichte, die hinter der Idylle steckt.
Für manche Besucher stehen andere Dinge im Vordergrund: "Der Garten
sieht ganz anders aus als auf den Bildern", meint etwas enttäuscht
Annelore Rudowsky.
"Wir sind nicht hier, um schönen Kohl zu sehen", sagt Hobby-Gärtner
Hannes Kulik. Seine Wohngemeinschaft und er haben bereits die Liebermann-Ausstellung
in der Nationalgalerie besucht und wollen jetzt Liebermanns "Vorlage für
die Bilder" bewundern. "Etwas von dem Ort einfangen, an dem der Künstler
gelebt hat" will hingegen Jutta Streffing aus Detmold: "Man hat so
ein wenig Anteil an seinem Leben und der Familiengeschichte."
Auf dem Nachbar-Grundstück ist derweil Unternehmer Jörg Thiede in Aufbruchstimmung.
Ein "nicht elitäres" Haus der Begegnung will er im Sommerdomizil
eines ehemaligen Reichstagsabgeordneten etablieren. In der Villa sollen neben
Werken des berühmten Nachbarn vor allem Arbeiten der "Gruppe der Elf" (1892-1898)
ausgestellt werden, der auch Liebermann angehörte. Als privaten Beitrag
zur künstlerischen Gedenkkultur will der Millionär Thiede die ursprünglich
von Liebermanns Architekten Alfred Lichtwark geplante Hecke aus Schattenmorellen
an der Grundstücksgrenze pflanzen.
So geht Liebermanns neuer Garten in seinen ersten Herbst. Wie gut, dass über
die tragische Geschichte seiner Familie kein gut gepflegtes Gras mehr wachsen
wird.
Die Ausstellung im der Liebermann-Villa wird voraussichtlich im Frühjahr
2006 eröffnet. Bis dahin ist das "Klein-Versaille" am Wochenende
und an Feiertagen von 11-18 Uhr, bis Ende Oktober auch freitags von 14-18 Uhr
zu sehen.
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