Wilhelmstraße

In der Wilhelmstraße wurde die Britische Botschaft wiedereröffnet.  Durch die Königin selbst. Nach sechzig Jahren. Ein etwas reichlich albernes Design, aber immerhin. Das einzige offizielle Reräsentationsgebäude in der Straße, die über zweihundert Jahre Geschichte in ihren Häusern ablesen ließ.

Die Engländer wurden gelobt. Der Außenminister sprach von Sergeant Pepper, der Bürgermeister von der Schutzmacht im Kalten Kriege. Wie sie das Radio nach dem Kriege neu bestimmt, Gewerkschaften, demokratische Strukturen nach Ihrem Maß beeinflusst. der kommentierende Preußische Prinz und Verwandte im Fernsehen, auf die Frage nach Preußen, beeilte sich, das sei vorbei, so wie: nie wieder. Krieg.

Aber war da nicht noch was? Ich erinnere mich an Bomben, noch '45 dass der englische Bischof aufschrie und von Völkermord sprach, hatte nicht Churchill, der Mann der Oder-Neiße-Linie, die Deutschen nach dem Kriege als Kapaunen gewollt, fett und impotent. Und doch, ich erinnere mich, wie nach dem Kriege alle Fliehenden aus dem Osten am liebsten in der englischen Zone sein wollten. Mein Vater hörte die BBC, so auch ich. Auch nach 45. Churchill war der erste, der die Ost-West-Situation genau erkannte. Auch war der Sergeant Pepper ein bisschen in Hamburg geboren. In den Nachkriegskellern Deutschlands. Das als kleiner Nachtrag zu den Festtagsreden.

Wichtiger aber ist, mit dieser Botschaft ist als einzige Tat das architektonische Recht der alten Wilhelmstraße in ihrer historischen Ordnung wieder hergestellt. So eng war die Straße einmal. So bescheiden. Das war das Maß der alten Straßen führung, aus der die einzelnen Palais und Höfe und Gärten dann abgingen. Das auswärtige Amt Bismarcks war ohne Hof und Palais-Auffahrt von solcher Art. Um so größer der Raum für den Park dahinter, direkt in den Tiergarten übergehend,so wie alles geplant war. Vom Schloss aus, für die, die man dort gerne angesiedelt sah. Auch Manufakturen und der Verlag Kleists und Schlegels/Shakespeares und das Vereinshaus der jüdischen Gemeinde in Preußen. Alle zusammen. Am Stadtrand. Wie eine Familie. Neben der Aristokratie des Hofes. Dahinter Park und Gemüseanpflanzungen wie Blumenrabatten, selbst angebaut. Vorne zogen später die Botschaften des Deutschen Bundes ein, am preußischen Hof, bevor diese Häuser Ministersitze wurden, des Reiches neben den Palais der Prinzen von Hohenzollern.

Dem Abriss des Berliner Schlosses und damit seiner vielhundertjährigen Geschichte aus Hand-Werk und Gedanken seiner Erbauer ging das größere Verbrechen an der Wilhelmstraße voraus. Die Bagger fuhren nach der Beseitigung aller restitutionsfähigen Gebäude direkt hinüber zum Schloss. Die Beseitigung der Speerschen Kanzlei gab den Anlass. Aber eben dort, in der alten Reichskanzlei, in der Generation vor Bismarck war der Faust uraufgeführt worden. Im alten Palais Radziwill aus Polen zu dessen Musik. 1819. Und wenn wir schon bei den Untaten der Abrisse sind, dann doch gleich mit zurechnen die des Westens nach '45, als sie die restaurationsfähigen Mauern des Schinkel'schen Albrecht Palais beseitigten, nur weil darin ein paar Jahre die Gestapo residierte. Nun wie vom Fluch beladen, in dem sie nicht weiterkommen  und zur Topographie des Terrors eine ganze Straße von zweihundert Jahren Geschichte machen, einer heutigen Perspektive, die uns zu Gefangenen werden lässt von Mauern in uns, nachdem wir gerade die zwischen den Menschen bereit sind, loszuwerden.Wiederaufgebaut stände alles da wie der Gropiusbau, auf den sie alle jetzt stolz sind, obwohl die Autobahn gerade dadurch schon geplant war. Und keiner will es mehr gewesen sein. Stolz, auch weil wir darin etwas darstellen können, wie wir uns heute verstehen. Man kann die Geschichte so und so verstehen und beantworten. Zerstörend oder produktiv. 'Welle und Wind sind vorgegeben - Segel und Steuer sind euer!' Und noch was. Zur Gründung des Reichs begann es. Als sie das Palais Voss,  neben dem der Radziwill,  

also der Kanzlei des neuen Reiches, einfach abrissen, einen Durchbruch durch die königliche Straße rissen und den Park immobilienmäßig kommerzialisierten, mit Parzellierungen links und rechts, die Speer dann wieder zusammenfasste zu seinem Bau an der so entstandenen Voss-Straße. Auch das Palais der verdienstvollen Grafen Voss trug eine Fassade von Schinkel.

Wie sagte die Königin, ganz kurz und inhaltsschwer, man könne viel über die Geschichte sprechen, an diesem Ort, aber sie wolle von der Zukunft reden. Und so war sie selbst wohl gekommen gerade hierher, wo sich der Völker und Länder Leiden-schaften kreuzen.

Achtzig Jahre Halbwertzeit - Gesamt- bzw. Restnutzdauer (GND) - ,d.h. der Selbstzersetzung bis zur Unansehnlichkeit, gibt

man den Plattenbauten der Funktionäre an der ehemaligen Mauer des Ostens um uns in ihrem teuflischsten Teil der Harmlosigkeiten, die heute täuschend wieder Wilhelmstraße heißt. Und vielleicht wird einmal zwischen  dieser Britischen Botschaft als Zeichen und jenem übriggebliebenen Luftfahrtministerium Görings und heute das Haus des Finanzministers eine neue Generation sich noch einmal Gedanken machen, was sie mit dieser historischen Straße dann anfangen werden. Erleichternd sei ihnen mit auf den Weg gegeben: Hitler wollte da weg. Seine neue Straße mündete, wo heute das Kanzleramt liegt. Und vergessen wir, was auch immer wir dann tun, wer in der Geschichte produktiv und Städte gestaltend sein will, er möge nie die Materialien außer Acht lassen, aus denen sie damals bauten und handelten, und das waren Steine und Holz und Mörtel oder Lehm und Stroh, wie wir heute mit Eisen und Beton und Glas und eigentlich noch ganz anders unsere Gedanken setzen. Aus dem, was wir heute wissen und vermögen zu handeln, in vergrößerter Gemeinschaft ohne Grenzen, wären die Zentren dann aus Geschichte und Form, die uns bestimmen, wie wir sie.   

Abbildungen: Palais Voss, Daguerreotypie im Besitz des Verfassers

3. August 2000 - nicht veröffentlicht -

Die anschaulich unvergleichliche Brache - unvergleichlich, weil mit Geschichte hoch besetzt und anschaulich, weil da viel zu lernen ist, über uns, grausam und schmerzlich - im Herzen Berlins aber ist das Land zwischen Potsdamer Platz in seiner neuen Kommerzialität und Brandenburger Tor mit Reichstag und zukünftigem Bundeskanzleramt als Zeichen der Repräsentation. Von Osten begrenzt von der heutigen Wilhelmstraßen-Ästhetik der Honeckerschen Plattenbauten und im Westen vom Tiergarten, den die Spaß-Umzüge einmal im Jahr gerne als Ab-Ort benutzen, dass er sich immer wieder neu erholen muss bis zum nächsten Mal. Es ist da, wo die ehemaligen Gärten der Häuser in der Wilhelmstraße seit ihrer Gründung vor 250 Jahren lagen. Zuerst der Palais, aneinandergereiht wie Reihensiedlerhäuser ohne Zaun und dann der Ministerien des Reiches, bis die Bunker im letzten Kriege zum Zeichen wurden des Endes von mehr als gestalteter Natur von Generationen früherer Kulturen. Ergiebiger Anlass für Aktionen des Erdboden-gleich-Machens der Betonierer nach '45 um das Diktum der Verbrannten Erde hübsch anschaulich zu machen mit Mauern, Hunde-Hatz auf Menschen und Schießfeldern für die Bewacher zwischen Ost und West. Heute genießen wir die Freiheit nach dem Beseitigen der Mauer und Menschen-Grenzen untereinander wofür. Schon sehen wir die Pläne für die Ländervertretungen und deren Bauten, die früher einmal als Ministerien des Bundes in Preußen die Wilhelmstraße bestimmten, bevor sie zum Regierungszentrum des Reichs wurden. Und wir sind frei für das Denkmal und Museum der ermordeten Juden in Europa? Wieviel mehr vielleicht wärs gewesen, gerade hier, als Platz und Tat von uns für sie und nicht nur als Finanziers mit weniger Beton und weniger Armierung und sei es eine Leere wo einst alles heiter war und grün, als das nun Geplante von fernher aus New York, und von einem der ihren und ohne Wissen von dem, was hier war und sein müsste, nämlich wie es der zuständige Minister vor seiner Wahl noch sagte und selbst wusste. Was die Leute wollten, wofür sie ihn wählten, wie sie dachten und wünschten. Auch denen, für die es sein soll.

Ein hochpolitisches Feld. Gerade in seiner früheren Gestalt und Bedeutung. Wenig wissen wir von Details. Friedrich Ebert und Hindenburg in Fotos privat. Bismarck beschrieb den Blick aus dem Fenster. Auf den Baum, der ihm Mass war seines Denkens. Man kann sagen, hier war das, was hinter den Fassaden lag, das Gehäuse öffentlicher Auftritte. Gebrauchte Natur als kultiviertes Leben. Der Streifen-Übergang vor dem königlichen Park außerhalb der Stadtgrenzen. Jedem, der sich da ansiedelte, ursprünglich auf vom König überlassenen Grund, überlassen zu individueller Sorge des Gebrauchs, in der Form-Strenge und -Treue zur Gestaltung der Gebäude und der Gärten dahinter. Und das waren fließende Übergänge von Beeten mit Gemüse, deren Blätter und Farben und Reifezeiten mit denen der ländlichen Blumen wechselten. Wie wir es heute gut studieren können in der Bepflanzung der Rabatten im Türkischen Bad der Anlagen von Potsdam. Von woher auch diese Auskünfte kommen. Nämlich, dass die aristokratischen Damen selbst es sich nicht nehmen lassen ließen, eigenhändig die Bepflanzung und Ernte zu besorgen, wie den Verkauf auf den Berliner Märkten. Es war die ländliche Kultur der Aristokratie, die hier ihre Stadtwohnungen pflegte, mit dem Wissen vom Lande, als Maß der Politik. Wenn Bismack sein Handeln aus diesem Fundus der Landnähe versah, aus der er kam, wie die Bilder der Theatersprache und Gedichte, die dort gedruckt wurden, so wusste er um Saat und Früchte, die Gezeiten des Jahres und von guter oder schlechter Umsicht oder Pflicht gegenüber Menschen und Tieren oder Pflanzen. Man kennt sein Bild mit Pferd dort hinten zum Ausritt, wie keines vom Führer von dort. Außer eben im Bunker, der alles unterminierte bis zum Ende. Dessen Zeichen er wurde und ist.

Denn was danach kam, war das:

Wo die Funktionäre der DDR tabula rasa machten und die Tafel der Geschichte mit ihren Insignien neu beschrieben mit den Todesfugen ihrer Betonierungen, denken die Unseren heute, diese Last der Geschichte fliehen zu können, wenn sie die vorderen Türen des repräsentativen Teils ihrer Straße meiden und meinen, sie seien frei nun davon, indem sie ihre Ländervertretungen hintenherum ansiedeln und wir wissen, wie die dann aussehen werden, ins Unbenannte, Unbebaute, Nichtbesetzte und siedeln sich doch gerade da an, wo die Empfänger der Befehle unserer letzten Vorgeschichte auf ihre Einsätze warteten und entkommen nicht den Fragen, wie sie dann umgehen mit jener anderen Verpflichtung die die Heiterkeit des Orts davor uns aufgegeben, wie wir dann darauf antworten werden, als Freie nun.

So ergibt sich dieser Teil der Stadt  als Landschaft sonder Gleichem. Als Seelenmythos des Landes. Vom Markt umgeben und neu zu behauptender Repräsentation wie Spaß-Konsum und Restnutzwerten jüngster Vergangenheiten liegt da das, was einmal als des Lebens arkadischer Anspruch versucht und gemeint war, von Göttern einer anderen Welt verheißen. Und ist nun das Gegenteil eines gelobten Landes. Wo Leere auszuhalten wäre. Das leere Feld. Mit Rand und Band. Die Leere des Feldes unter dem rühmenden Himmel? Und darin eine Sacra Conversatione der an der Geschichte Beteiligten, die von den Höllen weiß. Verspielt soviel. Karten neu zu mischen. Chance - vertan? schon? Die Form zu finden aus uns. Dem Leben seinen Raum zu geben, ohne Reden. In ihm.

Unvergleichlich. In Last und Auftrag. Und doch so vielfach wiederzuerkennen und gespiegelt im Lande. Die Schichten, die Verwüstungen, Trostlosigkeiten, Geschäfte, Lähmung und Fehlgriffe. Hier wie dort wird sich von Fall zu Fall entscheiden, noch einmal, wie wir uns gestalten, wer wir sind. Woraus. Wozu. Neue Ordnung schaffend. Aus was!

Wir wollen doch nicht, dass - wie nach dem Krieg durch Abrisse des Verbliebenen und Ödnis der Begradigungen und Glättungen bereinigter Fluren, Fassaden, Straßenführungen und solchen Denkens, - nun nach dem Ende der DDR erst recht beseitigt und verloren wird, - in der Vollstreckung von Verschlankung und Transparenz, - was gearde noch müde unter leidloser Lethargie überlebte. Im Äußeren, wie im Inneren der Menschen, die da rumziehen und niedermachen, vernichten und vertreiben, nicht wissend warum. Was wir, die es besser wissen, verursachen, beauftragen auf geheimsten Wegen, wenn wir so sind, wir überall zeigen. Und sei es durch wohlfeile Empörungen und Vorteilsbeschaffung im Amt der Besserwissenden.

Und wenn wir weiter nichts vermöchten als erkennen, was wir nicht wieder haben werden, sein können und dürfen, in der Form dazu und Haltung, die daraus wächst, so wär allein dies schon vielleicht geeignet, jene zu lösen, aus ihrem Bann, die da außer Rand und Band, schlagen, brennen und morden als Teil und wie von uns, solange wir dies nicht leisten.